40. Kapitel 

Geschichtenerzähler 

 

Jetzt war der April schon wieder vorüber und der Monat Mai stand vor der Tür. Gewöhnlich wurde am Abend vor dem ersten Mai überall in den Mai getanzt. In diesem Jahr waren diese Zusammenkünfte aber ausgefallen. Fred und Papa hatten am 1.Mai jedes Mal eine ausgiebige Radtour unternommen und waren zum Schluss irgendwo eingekehrt, wo es eine Hüpfburg und andere Spielangebote für Groß und Klein gab. Fred hatte diese Ausflüge mit seinem Papa immer geliebt, denn oft hatten sie sich noch mit ein paar Kumpels von Papa und dessen Familien verabredet, so dass das jedes Mal ein erlebnisreicher Tag mit viel Spaß und gemeinsamen Spielen geworden war. Das sollte in diesem Jahr dann wohl, wie so vieles, auch ganz anders werden. Aber Fred wäre nicht Fred und sein Papa wäre nicht sein Papa, wenn sie nicht eine Idee hätten, was sie in ihrer Freizeit Schönes machen könnten. 

 

Papa erklärte am Frühstückstisch: „Lass uns einen Picknickkorb packen. Wir machen eine Maitour und wir werden bestimmt ein schönes Plätzchen finden, wo wir beiden ein Picknick machen können.“ Fred war sofort begeistert. So schmierten die beiden Butterbrote, suchten Obst, Getränke und eine Decke zusammen und Papa verstaute alles in den Satteltaschen seines Fahrrades. Dann konnte die Reise losgehen. 

 

Sie radelten aus dem Dorf, durch die Felder hindurch und an Gräben entlang. An einem kleinen See verweilten sie kurz, um den Enten und Wasserhühnern beim Baden zuzusehen. Anschließend ging die Fahrt weiter über Brücken und Straßen und an Häuserzeilen vorüber, bis sie weit außerhalb zuletzt in einen Feldweg einbogen, der sie zu einer unberührten Wiese mit angrenzendem Wäldchen führte. Hier war weit und breit kein Mensch zu sehen und so entschieden sie sich ihre Picknickdecke auf der Wiese auszubreiten. Die Fahrräder legten sie ins Gras und die Fahrradtasche mit den Leckereien nahmen sie mit auf die Decke. Dann setzten sie sich und ließen sich die mitgenommenen Butterbrote schmecken, bevor sie sich gut gestärkt auf den Rücken fallen ließen und in den blauen Himmel schauten. Vereinzelt zogen ein paar Quellwolken am Himmel entlang. „Sieh mal Fred, wenn die Wolken weißen Wattebäuschen ähneln, dann bleibt das Wetter gut“, erklärte Papa. Fred sah einer dicken Wolke nach, die langsam an ihnen vorüberzog. „Schau mal Papa, die Wolke dort sieht aus wie ein Märchenschloss“, verkündete Fred nun und Papa griff sofort sein Spiel auf und sagte: „Und die da rechts neben dem Schloss sieht aus wie ein Ritter in eiserner Rüstung.“ Fred deutete mit dem Zeigefinger auf ein unförmiges Gebilde und fuhr fort: „Da, das ist ein großer Bär. Du Papa, bestimmt ist das ein verwunschenes Schloss und der Ritter will es von einem bösen Fluch befreien.“ „Und um das zu schaffen, muss er mindestens drei schwere Aufgaben erfüllen“, ergänzte Papa Freds Gedanken. „Lass uns mal überlegen, was das für Aufgaben sein könnten?“ Fred dachte eine Weile nach. Dann hatte er eine Idee: „Als erstes könnte er die Aufgabe haben einen Ring aus dem See zu fischen, den die Königstochter dort beim Baden verloren hat.“ „Das ist eine gute Idee“, sagte Papa. „Und als zweites muss er aus einer Wildpferdeherde das schönste Pferd für die Königstochter fangen“, ergänzte Fred. „Und als drittes ist da ja noch der Bär“, gab Freds Papa zu bedenken. Der muss auch noch eine Rolle spielen.“ „Ja, aber das ist ein verwunschener Prinz, der später erlöst wird und die Königstochter heiraten darf...“ „Also darf in deinem Märchen nicht der tapfere Ritter die Königstochter heiraten, sondern der verwunschene Prinz?“, fragte Papa nun. „Ja, genau“, erklärte Fred. „Der Ritter wird anders belohnt. Der will noch so viel von der Welt sehen und andere Abenteuer erleben.“ Papa schmunzelte. „Okay“, sagte er dann. „Aber dann fehlt uns immer noch die dritte Aufgabe für den Ritter.“ Fred grübelte. Währenddessen ruhte sein Blick weiter auf den langsam weiterziehenden Wolken. Dabei entdeckte er eine Wolke, die aussah, wie ein rennender Ziegenbock. „Mmh“, murmelte er vor sich hin, „die dritte Aufgabe ist, dass er mit dem Ziegenbock um die Wette rennen muss und natürlich muss er dabei siegen.“ „Na, das wird ja ein tolles Märchen“, freute sich Papa und er schlug vor: „Dann lass uns das Märchen mal erzählen. Fang du an und wenn du nicht weiter weißt, erzähle ich weiter, einverstanden?“ „Okay“, entgegnete Fred und dann legte er los: „Es war einmal in einem fernen Land ein verwunschenes Märchenschloss...“ 

 

Fred und Papa sprühten vor Fantasie und gemeinsam erzählten sie ein spannendes Märchen, bei dem der Ritter in eiserner Rüstung das verwunschene Schloss erlöste und den Bären entzauberte...Wie es sich gehörte wurde am Ende eine große Hochzeit gefeiert. Der Prinz und die Königstochter heirateten und der Ritter zog reich beschenkt und glücklich weiter, um neue Abenteuer zu erleben. 

 

„Das war richtig cool“, meinte Fred, als sie die Geschichte zu Ende erzählt hatten. „Ja“, erwiderte Papa versonnen, während sein Blick immer noch die dahinziehenden Wolken verfolgte. „In der Fantasie ist vieles möglich...Da kann man Abenteuer erleben, in ferne, fremde Länder reisen und Flüche entzaubern. Und man kann sich zu den Menschen hinträumen, mit denen man jetzt gerne zusammen wäre.“ Papa zwinkerte Fred zu. Er hatte längst festgestellt, dass Fred seine Klassenkameradin Carlotta ganz nett fand. Fred sagte nichts, aber seine Gedanken wanderten zu Carlotta, die ihm in der letzten Zeit so tolle Geschenke gemacht hatte. Wie sehr hoffte er, dass sie sich bald unter „normalen“ Umständen wiedersehen würden. Im Märchen siegte am Ende immer das Gute. Man durfte auch im wirklichen Leben nie die Hoffnung verlieren. Zum Schluss würde alles gut werden. 

 

© Margarete Reinberger

 

Idee: Betrachte doch auch mal die Wolken am Himmel. Mache ein Foto von einer Wolke und erzähle uns, was du in ihr siehst. 

 

Wusstest du schon, dass Wolken uns auch etwas über das Wetter sagen können. Erkundige dich doch mal im Internet bei www.fragfinn.de oder www.blindekuh.de zum Thema Wetter und Wolken. Dann kannst du ohne Wettervorhersage am Himmel ablesen, wann Regenwetter oder sogar ein Gewitter aufzieht. 

 

Vielleicht hast du aber auch Lust dir selbst ein Märchen oder eine Geschichte auszudenken und sie aufzuschreiben. Lass deine Fantasie spielen. In der Fantasie sind sogar Wunder möglich und man kann sich an Orte träumen, an die man jetzt gerade nicht darf. Man darf auch davon träumen, mit wem man jetzt gerne zusammen wäre und was man gemeinsam unternehmen würde. Ich bin gespannt auf deine Idee, wenn du sie mit mir und den anderen Leserinnen und Lesern der Schulhomepage teilen möchtest.