33. Kapitel 

Drachen steigen 

 

Seit Tagen wehte ein frisches Lüftchen ums Haus. Fred liebte dieses Wetter. Wenn der Wind ihm so richtig um die Ohren pustete, erinnerte ihn das an einen Urlaub am Meer, den er vor Jahren mit seinen Eltern gemeinsam gemacht hatte. Es war auf der Nordseeinsel Norderney. Dort wehte immer ein ganz schöner Wind. Fasziniert hatte Fred damals den Menschen zugesehen, die dort am Strand ihre Drachen steigen ließen. Weil ihn die Sache so begeisterte, hatte Papa ihm schließlich auch einen Drachen gekauft. Jedoch waren sie alle noch ungeübt im Drachen steigen lassen, so dass dieser mehrmals so heftig auf den Strand geknallt war, dass er zuletzt zu Bruch gegangen war. Damit hatte sich das Abenteuer ‚Drachen steigen‘ schnell erledigt. Doch der frische Wind der letzten Tage und die viele unverplante, freie Zeit, die Fred nun nach wie vor hatte, brachte ihn auf die geniale Idee, dass er doch einmal versuchen könnte, sich selbst einen Drachen zu bauen. 

 

„Papa, hilfst du mir, einen Drachen zu bauen?“, fragte er seinen Papa. „Das können wir versuchen“, stimmte dieser bereitwillig zu, denn er selbst hatte seine Kinderträume nicht vergessen und freute sich jedes Mal, wenn Fred wieder eine tolle Idee hatte. 

 

„Wo bekommen wir wohl eine Bauanleitung her?“, dachte Fred laut nach. Papa schlug vor: „Lass uns mal unter dem Stichwort: ‚Einen Drachen bauen‘ im Internet nachschauen. Bestimmt findet man da eine einfache Anleitung.“ Tatsächlich konnte man dort allerhand finden. Die beiden entschieden sich für eine ganz einfache Variante, für die man lediglich zwei flache Holzleisten, eine blaue Mülltüte und Drachenschnur benötigte. Eine Feile, einen Handbohrer und Holzleim hatte Papa sowieso im Keller auf seiner Werkbank liegen. Recht schnell war da ein Drachen zusammen gezimmert. 

 

Nachdem sie ein tolles Exemplar mit einem langen Drachenschwanz gebastelt hatten und der Kleber getrocknet war, schwangen sich die beiden auf ihre Räder und fuhren zu der großen Wiese hinter dem Wäldchen am Dorfrand. Fred brachte seinen Drachen in Startposition. Papa wickelte die Drachenschnur ab und stellte sich mit dem Rücken in Windrichtung. Dann hob Fred den Drachen leicht in die Luft und wartete bis eine Windböe kam. Papa gab dem Drachen einen kleinen Ruck und schon wurde er mit dem Wind empor gehoben. Schnell lief Fred zu Papa, um von ihm die Drachenschnur zu übernehmen. „Pass auf, dass die Schnur stramm bleibt, sonst fällt er ganz schnell wieder herunter!“, rief Papa ihm zu. Fred übernahm die Leine und schaute dem lustigen Flug seines Drachens zu. Das war ein Spaß, den tanzenden Drachen im Wind zu beobachten. Bei jeder Windböe musste Fred aufpassen, dass er nicht im steilen Sinkflug nach unten fiel, sondern auf der nächsten Windböe wieder weiter seinen Tanz ausführte. Papa und Fred verbrachten so den ganzen Nachmittag. Und trotz einiger Abstürze hatte der Drachen dieses Mal den Nachmittag heile überstanden. Als sie endlich erschöpft von der vielen frischen Luft und vom Laufen an der Leine den Heimweg antreten wollten, schlug Papa vor, auf dem Rückweg noch kurz zur Eisdiele am Dorfplatz zu fahren, um sich ein Eis zu holen. Fred war natürlich sofort einverstanden. Offenbar hatten heute jedoch einige Menschen noch Lust gehabt, den sonnigen Tag mit einem Eis zu krönen. Auch hier gab es inzwischen strenge Auflagen. Das Eis durfte man mit genügend Sicherheitsabstand an der Eisdiele zwar kaufen, aber nur in mindestens 50 Meter Entfernung von der Eisdiele essen. Ein Pärchen hatte sich mit seinem Eis für einen kurzen Moment auf einer Mauer niedergelassen, die sich in ausreichender Entfernung von der Eisdiele befand. Mit circa zwei Meter Abstand zu den beiden hatte es sich ein Ehepaar mit einer offenbar schon erwachsenen Tochter gemütlich gemacht. Fred überlegte gerade, ob da wohl noch Platz für Papa und ihn sei, als ein Polizeibulli mitten über den Platz fuhr, den sonst nur Fußgänger benutzten und auf die sitzenden Menschen zusteuerte. Er zuckte regelrecht zusammen, als plötzlich eine laute, energische Stimme über ein Mikrofon die Menschen auf der Mauer ansprach: „In der Öffentlichkeit dürfen lediglich zwei Menschen zusammen sein. Es sei denn, dass sie aus einem Haushalt kommen. Wir werden gleich aussteigen und ihre Personalien kontrollieren.“ Fred sah, wie die Familie sich irritiert ansah und miteinander sprach. Das Pärchen stand unmittelbar auf und verließ den Platz. Die Familie gab der Polizei ein Zeichen, dass sie zusammen gehörten. Fred merkte aber, dass sie sich beeilten, ihr Eis aufzuessen. Offenbar hatten alle die Freude an dem kleinen Feierabendeis verloren. Auch er fühlte ein Unbehagen in sich aufsteigen. Papa merkte es und beruhigte ihn: „Erstens sind wir nur zu zweit und zweitens gehören wir beiden ja wohl zusammen. Die Polizei hat in dieser Zeit auch wirklich keinen einfachen Job. Überall muss sie aufpassen, dass nicht zu viele Menschen gleichzeitig zusammen kommen.“ Fred stimmte seinem Papa ja zu. „Aber ein bisschen freundlicher hätte der Polizist schon sein können“, stellte er fest. „Lass dir diesen schönen Tag nicht verderben“, entgegnete Papa und strich seinem Sohn über den Kopf. Dann kauften sie sich ein Eis und schleckten es in der Abendsonne, bevor sie mit ihren Rädern nach Hause radelten. 

 

© Margarete Reinberger 

 

Idee:

Bau dir doch auch mal einen Drachen. Anleitungen verschiedener Schwierigkeitsstufen findest du im Internet.

 

Ein Tipp: Für einen einfachen Drachen genügen zwei Holzleisten in den Längen 100 cm und 70 cm (1cm breit und 0,5cm stark), ein blauer Müllsack und Drachenschnur. 

 

Du kannst natürlich auch zu diesem Kapitel einfach mal wieder ein Bild malen, wie Fred und Papa den Drachen steigen lassen oder auch von dem Erlebnis an der Eisdiele. Durch eure Bilder wird die Geschichte erst richtig schön.

Also macht doch einfach mit!