32. Kapitel 

Carlotta träumt 

 

Am Anfang dieser Woche hatten die Schulkinder nun wieder neue Aufgaben von ihren Lehrern und Lehrerinnen bekommen. Das sogenannte ‚Homeschooling‘ ging weiter und Mama hatte darauf bestanden, dass Carlotta nach dem Frühstück zuerst ihre Aufgaben erledigte. Aber es fiel Carlotta heute irgendwie schwer, sich nach den Ferien wieder alleine an die Aufgaben zu setzen. In der Schule war das was anderes. Schon die Begegnung mit den Klassenkameraden auf dem Schulhof machten einen morgens früh hellwach. Irgendeiner hatte immer etwas Spannendes zu erzählen und man konnte neue Pläne schmieden, was man alles gemeinsam unternehmen wollte. Die Gespräche mit den Klassenkameraden fehlten Carlotta sehr. Sie war immer voller Interesse für neue Dinge gewesen und freute sich jedes Mal, wenn die Lehrerin den Kindern ein neues, spannendes Thema erklärte. Da kam keine Langeweile auf. Aber jetzt musste selbst sie, die die Schule immer geliebt hatte, gegen Lustlosigkeit und Trägheit ankämpfen.

 

Carlotta legte den Kopf auf den Schreibtisch und schloss die Augen. Ihre Gedanken wanderten zum Reitstall. Oh, wie vermisste sie die wöchentlichen Reitstunden auf Mary-Lynn oder die Springstunde auf Romeo.

 

Im Inneren sah Carlotta die Pferdeherde, die morgens am Reitstall auf die Wiese gebracht wurde vor sich. Wie schön war es, den Pferden zuzusehen, wie sie vor lauter Lebensfreude im wilden Galopp die ganze Wiese zu vermessen schienen. Der Boden donnerte dann unter den Hufen der galoppierenden Herde und die Mähnen und Schweife der Pferde wehten im Wind. Carlotta träumte: „Es waren mal wieder Reiterferien. Das hieß für sie, dass sie von nun an jeden Tag am Stall verbringen würde. Carlotta liebte es von morgens bis abends den Geruch von Heu, Stroh und Pferdeäpfeln um die Nase zu haben. Voller Erwartungen radelte sie früh morgens zum Stall. Sie war so früh dran, dass außer ihr nur die Stallbesitzerin Sonja da war, die schon die Pferde fütterte. Carlotta lief zunächst an allen Pferdeboxen vorbei, um jedem Pferd ‚Guten Morgen‘ zu sagen. ‚Guten Morgen, Carlotta, bist du etwa aus dem Bett gefallen?‘, begrüßte Sonja sie, als sie Carlotta die Stallgasse herunterkommen sah. Carlotta wusste, dass sie bei Sonja immer gern gesehen war. Und sie liebte es am Stall zu helfen. ‚Guten Morgen, Sonja. Ich wollte dir beim Füttern helfen‘, erklärte sie deshalb. Und Sonja sagte ihr, was noch zu tun war. Nachdem die Pferde gefressen hatten, wurden sie auf die Weide gebracht. Die Reitstunden würden erst am Nachmittag stattfinden, denn auch ein Pferd brauchte Freizeit und den Auslauf. Als die Boxen leer waren, ging es ans Misten. Mit einer Forke nahm Carlotta die frischen Pferdeäpfel aus den Boxen und streute frisches Stroh hinein, so dass jedes Pferd wieder ein gemütliches Bett hatte. Sie nahm es sehr genau damit. Die schwere Mistkarre fuhr sie dann zum Misthaufen. Die frischen Pferdeäpfel dampften in der kühlen Morgenluft.

 

Als die Arbeit getan war, kamen die anderen Kinder. Sonja holte den Voltigierbock heraus. Das war praktisch ein Turngerät wie ein Pferderücken aus Holz mit einem Schaumgummiüberzug. Sonja hatte einen Gurt mit Griffen um diesen Bock geschnallt, an dem man sich wunderbar festhalten konnte. Nach einigen Aufwärmübungen begannen alle mit einigen morgendlichen Turnübungen auf dem Voltigierbock. Die Kinder trainierten auf einem Pferderücken zu knien, zu stehen oder auch einen Schulterstand zu machen. Als sie schließlich genug geturnt hatten, setzten sie sich an den Weidezaun, stärkten sich mit den mitgebrachten Broten und Getränken und beobachteten die Pferdeherde, die friedlich grasend über die Weide zog.

 

An diesem Nachmittag hatte Carlotta eine Springstunde auf Romeo. Romeo war ein dunkelbrauner Wallach, der ein leidenschaftliches Springpferd war. Wenn man Romeo auf die Koppel ließ und dort noch ein Übungssprung aufgebaut war, sprang er manchmal vor lauter Freude ganz alleine darüber. Mit diesem Pferd machte der Springunterricht richtig Spaß. Denn wenn Romeo einen Sprung auch nur sah, nahm er von alleine Anlauf und sprang mit einem Riesensatz darüber. Als Carlotta damals ihre erste Springstunde hatte, hatte ihr Herz ganz schön geklopft. Aber Romeo brauchte nur vor einen Sprung gelenkt werden und dann hieß es für die Reiterin lediglich sich leicht in die Steigbügel zu stellen, sich nach vorne zu beugen und die Zügel locker zu lassen, damit Romeo einen Satz machen konnte. Was für ein Gefühl von Freiheit....

“ „Carlotta! Hey, Carlotta!“, jemand legte Carlotta die Hand auf die Schulter. „Carlotta, aufwachen!“ Carlotta rappelte sich hoch. „Du sollst deine Aufgaben machen!“, ermahnte Mama sie. Carlotta seufzte verschlafen. „Wie schade“, dachte sie noch ganz benommen von ihrem schönen Traum... Zu gerne wäre sie noch ein bisschen länger bei ihren Pferden geblieben. 

 

© Margarete Reinberger

 

Idee:

In dieser Zeit ist es wichtig, seine Träume nicht zu vergessen. Auch wenn sich das Warten auf Normalität endlos hinzuziehen scheint, wird es irgendwann wieder die Reitstunden, Fußballspiele und vieles mehr geben. Wovon träumst du? Male deinen Traum oder erzähle davon und schicke mir ein Foto davon für unsere Homepage. Viele Homepageleser freuen sich über eure fantasievollen Einfälle.