31. Kapitel 

Mit dem Gemüsetransporter über die Grenze 

 

Vor der Corona-Krise war Fred oft bei seinem Freund Karl. Karls Vater war Brummifahrer. Wenn Fred ihn zufällig mal antraf, hörte er sich am liebsten seine Abenteuergeschichten an, die er von seinen LKW-Touren quer durchs Land zu erzählen wusste. Jetzt hatte er bedingt durch das Besuchsverbot aber schon ewig nichts mehr von Karls Vater gehört. Dennoch wusste er, wie das Leben vom Vater seines Freundes aussah: 

 

Für Karls Vater war LKW-Fahrer immer der Traumberuf gewesen. Schon als kleiner Junge hatte er sich nur für Autos interessiert und für ihn war schon sehr früh klar gewesen, dass er irgendwann als LKW-Fahrer auf den Straßen unterwegs sein wollte. Karl war es gewohnt, dass sein Vater oft mehrere Tage am Stück nicht nach Hause kam. Er war mit dem Truck von der einen Seite Deutschlands bis über die Grenzen hinaus unterwegs. Das war seine Welt. Das löste in ihm ein Gefühl von Freiheit und Abenteuer aus, welches nur Menschen kannten, die, wie er, ständig unterwegs waren. Aber in den letzten Jahren klagte er immer öfter über die Zustände auf den überfüllten Straßen. Einige Autobahnen schienen Dauerbaustellen zu sein. Ein LKW-Fahrer brauchte ganz sicher viel Geduld, wenn er in Deutschland unterwegs war. Stehen-Fahren-Stehen- Fahren...wie eine Schnecke durch die Baustelle und wenn sich der Stau auflöste von immer Eiligen im rasenden Tempo überholt werden. Manchmal drückte er laut auf die Hupe seines LKWs, wenn sich mal wieder zwei Raser auf der Autobahn ein Rennen lieferten und seinem LKW beim Einscheren gefährlich nahe kamen. Es gab schon rücksichtslose Fahrer, über die man nur den Kopf schütteln konnte. Das Motto von Karls Vater war eher: In der Ruhe liegt die Kraft! „Ich kann den Stau doch nicht ändern“, dachte er sich und er hatte schon lange aufgehört, sich darüber aufzuregen, wenn es mal wieder stundenlang ‚Anfahren, Abstoppen, Anfahren und Abstoppen‘ hieß. 

 

Karls Vater fuhr einen Gemüsetransporter. Sein Weg führte ihn regelmäßig über die polnische Grenze. Tomaten, Zwiebeln, Gurken, Karotten...Es wäre undenkbar, wenn diese Transporte wegen der Corona-Krise gestrichen würden. Die Geschäfte hatten die Waren, die Karls Vater holte, fest für den Verkauf eingeplant. Das erkannten auch die Politiker beider Länder. Und so erhielt Karls Vater eine Sondergenehmigung, um weiter regelmäßig das Gemüse aus Polen abzuholen und nach Deutschland zu bringen. 

 

Davon hatte Karl seinem Freund Fred bei ihrem letzten Telefongespräch schon erzählt. Und er hatte ihm genau geschildert, was nun in Zeiten der Corona-Krise anders geworden war für seinen Vater: 

 

Auf den Straßen sei deutlich zu spüren, dass sich etwas verändert hatte. Während die Straßen in Deutschland jetzt ungewöhnlich leer waren, so dass Karls Vater ohne Stau in aller Ruhe seine Strecken fahren konnte, staute sich in den ersten Tagen an der Grenze zu Polen der LKW- Verkehr kilometerlang auf und blieb schließlich völlig stehen. Wie eine Perlenschnur standen die LKWs bis weit ins Land hinein und es gab kein Vor und kein Zurück. Und wieder einmal hieß es geduldig abzuwarten und Tee zu trinken. Ja, ‚Tee zu trinken‘, denn Soldaten der Bundeswehr kamen den Festgesetzten zur Hilfe und versorgten sie mit dem Nötigsten, bis an der Grenze eine Lösung für das Problem gefunden wurde. 

 

Wie schon gesagt brachte Karls Vater so schnell nichts aus der Ruhe. Was sollte er auch machen? Irgendwann würde sich auch dieser Stau auflösen und dann könnte die Fahrt weitergehen. 

 

Es dauerte ein paar Tage, bis die Menschen Lösungen gefunden hatten und die Grenzen zumindest für LKW-Fahrer wie Karls Vater schneller zu durchfahren waren. Alle lernten immer besser mit dieser ungewöhnlichen Situation umzugehen. Jetzt hatte Karls Vater einen Passierschein, mit dem er sich an einer Extraspur für wichtige Transporte anstellen konnte. Und dann war der Weg wieder frei. 

 

Und so fuhr Karls Vater von Deutschland nach Polen und von Polen nach Deutschland und holte weiter das Gemüse, damit die Menschen hier in gewohnter Weise einkaufen und leben konnten. Karl war stolz auf seinen Vater, der einen so wichtigen Job machte, auch wenn er ihn so nur selten sehen konnte. Sein Vater war in wichtiger Mission unterwegs. 

 

©Margarete Reinberger 

 

Idee: 

Male zu diesem Kapitel ein Bild von Karls Papa mit seinem Gemüsetransporter oder der LKW-Schlange an der polnischen Grenze. 

 

Du kannst dir auch mal eine deutsche Straßenkarte anschauen und gucken, an welcher Stelle eine Grenze nach Polen ist über die Karls Vater gefahren sein könnte. Schau doch auch mal, welche Autobahnen er wohl gefahren ist. 

 

Interessant ist auch, welche Länder alle an Deutschland grenzen. Vielleicht machst du dazu eine Zeichnung oder du schreibst die Nachbarländer von Deutschland mal auf. Findest du alle Nachbarn? Viel Spaß beim Forschen!