30. Kapitel 

Ein Megakonzert 

 

Es war der erste Montag nach den Osterferien. Carlotta hockte etwas missmutig in ihrem Zimmer. Mama saß im Wohnzimmer und scrollte durch die vielen neu reingeschneiten Nachrichten auf ihrem Handy. Ihr Blick blieb dieses Mal an einem Aufruf aus einem Chat in ihrer ‚Sunny- Side-Gruppe‘ hängen. Sie selbst hatte die Gruppe schon vor langer Zeit gegründet und ihr diesen Namen gegeben. Der Name sollte alle Mitglieder daran erinnern, dass es viele schöne, sonnige Seiten im Leben gab, die man teilen sollte, anstatt sich über die schlechten Dinge zu ärgern. Die Nachricht, die sie nun erhalten hatte, war ein Aufruf, dass alle Menschen am kommenden Sonntagabend um 18.00 Uhr gemeinsam am Fenster stehend die Europahymne ‚Freude, schöner Götterfunken‘ mit Instrumenten spielen oder aus voller Kehle singen sollten. „Was für eine schöne Idee!“, dachte Mama. Der Klang würde dann durch das ganze Land gehen und ihnen allen zeigen, dass keiner in dieser Zeit wirklich allein war. Sie wären für einen kurzen Moment durch das gemeinsame Lied miteinander verbunden. 

 

„Carlotta, komm doch mal her!“, rief Mama. Sie erzählte ihr von der Idee und fragte: „Willst du nicht auch deine Flöte mal wieder herausholen und probieren, ob du das Lied hinkriegst? Dann könntest du mitspielen.“ Carlotta hatte ihre Flöte zwar schon vor einer ganzen Weile in einer Schublade verschwinden lassen, aber jetzt hatte sie ja viel Zeit und weil sie gerade nichts Besseres zu tun wusste, kramte sie sie nun hervor. Mama druckte ihr die Noten aus und Carlotta zog sich damit in ihr Zimmer zurück, um das Lied ungestört zu proben. Bald klangen die ersten Flötentöne durchs Haus und Mama fand, dass es sich gar nicht so schlecht anhörte. 

 

Als Carlotta eine Weile später zurück ins Wohnzimmer kam, meinte sie: „Ich glaube, es klappt ganz gut. Wenn ich bis Sonntag jeden Tag übe, kann ich es bestimmt einigermaßen flüssig spielen. Aber der Text ist schon ein bisschen komisch, Mama!“, fügte sie dann hinzu. „Was soll das denn heißen: ‚Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium?‘“ Mama sah auf das Textblatt und versuchte eine Übersetzung: „Also die Freude wird als ein Geschenk des Himmels, sozusagen als ein Funken aus dem Himmel betrachtet und das Wort ‚Elysium‘ ist griechisch und meint ‚das Paradies‘. Demnach ist die Freude ein Geschenk des Himmels und kommt praktisch direkt aus dem Paradies.“ Carlotta fragte weiter: „Und was ist ‚feuertrunken‘? Sowas habe ich ja noch nie gehört. ‚Wir betreten feuertrunken, Himmlische dein Heiligtum‘“, las Carlotta laut vor. „Das kannst du vielleicht mit ‚begeistert oder voller Freude‘ übersetzen“, erklärte Mama geduldig. „Wir betreten den Ort der Freude voller Begeisterung. Da, wo Freude ist, sind die Menschen überglücklich.“ „Aha!“, entgegnete Carlotta. In diesem Moment kam Christian jubelnd ins Wohnzimmer gesprungen, weil er es geschafft hatte aus seinen Bauklötzen einen megahohen Turm zu bauen. „Hey Christian, du bist wohl feuertrunken!“, rief Carlotta da. Christian blieb stehen und schaute sie verständnislos an. „Hä, was bin ich?“ „Feuertrunken bist du“, sagte Carlotta lachend. „Was soll das denn sein?“, fragte Christian und schüttelte fragend den Kopf. „Du bist begeistert und voller Freude“, erklärte Carlotta jetzt ihrem Bruder wissend und fügte hinzu: „Das ist eine Geheimsprache, die nicht jeder verstehen kann.“ Dann zitierte sie die nächste Zeile dieses ungewöhnlichen Liedes. „ ‚Deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt...‘“ „Wer redet denn so?“, fragte Christian. Mama kannte sich aus und erklärte nun: „Das war Friedrich Schiller, ein bekannter Dichter. Aber zu der Zeit sprachen die Leute eben noch etwas anders und als Dichter hatte er sowieso eine besondere Sprache.“ Carlotta las die Zeile noch einmal. Sie hatte nun den Ehrgeiz entwickelt, selbst diese Geheimsprache zu übersetzen. „Also die Freude verbindet, was gerade geteilt ist...“, rätselte sie und fügte dann überzeugt hinzu: „Das passt ja gut, denn wenn wir zusammen Musik machen, sind wir alle miteinander verbunden, auch wenn wir nicht zusammen sein dürfen und immer noch Abstand voneinander halten müssen. Und Musik machen, macht Freude.“ Carlotta nickte selbstzufrieden und stolz, dass sie diese Sprache so gut entschlüsseln konnte. „Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt“, las Mama die letzte Zeile des Liedes vor. „Also da, wo die Freude ist, da werden alle Menschen wie Brüder und Schwestern?“, fragte Carlotta. Mama bestätigte ihre Gedanken. „Na gut, es klingt zwar trotzdem etwas komisch, aber der Text passt“, stellte Carlotta überzeugt fest. 

 

„Und, hast du in der Schule in Musik schon mal was von Ludwig van Beethoven gehört?“, fragte Mama nun Carlotta. Carlotta schüttelte den Kopf. Daran konnte sie sich nicht erinnern. „Bestimmt werdet ihr noch über ihn sprechen, wenn die Schule wieder weitergeht“, sagte Mama, „denn in diesem Jahr würde dieser berühmte Komponist 250 Jahre alt.“ 

 

Christian hatte entgeistert dem Gespräch zwischen seiner Mama und Carlotta zugehört. Jetzt schaltete er sich ein: „Mama, was ist ein Komponist?“ „Das ist derjenige, der sich die Melodie für ein Lied ausdenkt und sie aufschreibt. Übrigens ist dieses Lied in ganz Europa bekannt und wird auf großen Feiern und Veranstaltungen häufig gespielt. Man nennt das Lied deshalb auch ‚Europahymne‘. Aber all die Konzerte zum Geburtstag von Beethoven werden nun wohl abgesagt“, meinte Mama, die es zu normalen Zeiten liebte, gelegentlich mit Papa ein Konzert zu besuchen. „Stattdessen spielen jetzt alle Musiker die Europahymne am Sonntagabend um 18.00 Uhr am Fenster“, stellte Carlotta fest. „Das ist dann ein Megakonzert, das durch das ganze Land weht.“ Mama lachte und nahm Carlotta in den Arm. „Was für ein schlaues Kind ich doch habe“, sagte sie stolz. 

 

©Margarete Reinberger

 

Idee: 

Wenn du ein Instrument spielst, könntest du die Europahymne „Freude, schöner Götterfunken“ von Ludwig van Beethoven (Musik) und Friedrich Schiller (Text) einstudieren. Sicher kannst du dir die Hymne auch im Netz anhören und versuchen, sie mitzusingen. Vielleicht machst du ja auch mit vielen anderen gemeinsam ein Fensterkonzert, klatschend, singend, flötend, Saxophonspielend, geigend, trompetend oder wie auch immer. Oder du übst die Europahymne schon jetzt, damit wir sie gemeinsam singen können, wenn wir uns irgendwann alle in der Schule wiedersehen. Das wird eine Freude sein. 

 

Wenn du dich mehr für den berühmten Komponisten Beethoven oder den Dichter Schiller interessierst, kannst du da sicher im Internet einiges finden. Vielleicht schreibst du ja einen Steckbrief von einem der beiden. 

 

Und hier noch eine Matheaufgabe: In welchem Jahr wurde Ludwig van Beethoven geboren? In diesem Jahr feiert man überall seinen 250. Geburtstag. 

 

Male ein Bild zu dem Kapitel oder schicke mir ein Bild von dir beim Musizieren. Na, hier gibt es allerhand Möglichkeiten. Suche dir aus, was dir am meisten gefällt und überrasche mich einmal mehr. 

 

Auszug aus dem Liedtext ‚Ode an die Freude‘ von Friedrich Schiller: 

 

Freude schöner Götterfunken,
Tochter aus Elisium!
Wir betreten Feuer trunken,
Himmlische, dein Heiligthum!
Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng getheilt,
Alle Menschen werden Brüder
Wo dein sanfter Flügel weilt.