27. Kapitel 

Was macht eigentlich Karl? 

 

Nun war es schon fast fünf Wochen her, seit die Schulen unverhofft geschlossen worden waren. Die Politiker hatten am gestrigen Tag deutlich gemacht, dass auch weiterhin äußerste Vorsicht geboten war. So langsam wurde Fred bewusst, dass es auch nach den Osterferien noch nicht normal weitergehen würde und er vermutete, dass das auch noch lange dauern würde. Eins war klar: Es würde noch viel Zeit in Anspruch nehmen, bis es einen Impfstoff gegen dieses Virus geben würde. Die Forscher hatten in Aussicht gestellt, dass das am Ende dieses Jahres oder sogar erst Anfang 2021 der Fall sein würde. So lange konnten die Schulen ganz sicher nicht geschlossen bleiben. 

 

Fred war wie jeden Morgen schon früh aufgestanden, hatte wie immer mit Papa gefrühstückt und überlegte jetzt, was er mit dem vor ihm liegenden Tag anfangen sollte. „Du, Papa, ich würde so gerne mal den Karl wiedersehen“, dachte Fred laut nach. „Mmmmh“, murmelte Papa. „Was Karl wohl macht?“, grübelte Fred weiter. Papa schien seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. „Du, Papa, kann ich den Karl mal anrufen?“, fragte Fred jetzt. „Ja, versuch‘s mal“, brummelte Papa. Er war heute Morgen nicht so gesprächig. Aber auch ein Erwachsener konnte ja mal einen schlechteren Tag haben. 

 

Fred schnappte sich das Telefon und wählte die Nummer seines Freundes. Nach ein paar Klingeltönen nahm Karls Mutter das Gespräch an. „Hallo, Fred, das ist aber lieb, dass du dich meldest. Aber ich habe den Karl gerade schon in die Notbetreuung der Schule gebracht. Er ist dort jeden Tag, weil ich im Krankenhaus putzen muss und sein Vater ist wieder mit dem LKW unterwegs. Da bleibt uns nichts anderes übrig, als ihn dorthin zu bringen.“ Das klang fast wie eine Entschuldigung. Fred erinnerte sich: Karls Vater fuhr ja einen Gemüsetransporter. Karl hatte ihm schon oft von den Erlebnissen seines Vaters auf den Fahrten quer durch Deutschland bis nach Polen erzählt. Karl durfte in den Ferien sogar schon mal mitfahren und Fred hatte ihn sehr darum beneidet. Aber sicher war das jetzt in Zeiten der Corona-Pandemie auch nicht erlaubt. Und dass Karls Mutter im Krankenhaus putzte, wenn Karl morgens in der Schule war, hatte ihm Karl auch schon mal erzählt. „Wann kann ich denn Karl mal sprechen?“, fragte Fred jetzt. „Am besten rufst du heute Nachmittag um 17.00 Uhr nochmal an“, antwortete Karls Mutter. „Dann sind wir auf jeden Fall hier.“ „Okay, das mache ich“, sagte Fred und legte auf. 

 

Der Tag zog sich hin. So richtig wusste er heute nichts mit sich anzufangen und Papa schien auch so lustlos zu sein. So hatte Fred etwas in seinem Zimmer mit Lego gebaut und einen Film im Fernsehen geschaut. Sehnsüchtig wartete er, dass es endlich 17.00 Uhr würde. Als er es dann am Spätnachmittag wieder versuchte, machte sein Herz einen Freudensprung, als die vertraute Stimme seines Freundes am Telefon erklang. „Hallo Karl. Hier ist Fred. Wie geht es dir?“, fragte Fred neugierig. „Och, ganz gut“, meinte Karl gelassen. „Erzähl doch mal! Was machst du so den ganzen Tag?“, forderte Fred seinen Freund auf. Dass dieser aber auch immer so wortkarg sein musste. Aber dieses Mal hatte Karl was zu erzählen und so legte er bereitwillig los: „Ich gehe jeden Tag in die Notbetreuung der Schule. Mit mir sind noch 3 Kinder dort. Das ist ganz schön da. Vormittags passen zwei Lehrerinnen auf uns auf und am Nachmittag übernehmen das zwei Erzieherinnen von der OGS. Die denken sich auch oft was aus. Vor Ostern haben wir zum Beispiel ganz viel gebastelt. Aber bei schönem Wetter spielen wir auch viel draußen. Letztes Mal haben wir uns mit Straßenmalkreide einen Fahrrad-Parcours auf den Schulhof gemalt. Lisa hat eine Slalomlinie gemalt und eine schmale Spur durch die wir hindurchfahren mussten. An einer Stelle habe ich eine Stopplinie aufgezeichnet und an einer anderen eine große 8, die man dann abfahren musste. Danach haben wir uns die Roller der OGS aus der Garage geholt und sind den Parcours abgefahren. Das hat Spaß gemacht“, schilderte Karl ungewohnt ausführlich seine Erlebnisse. „Und ihr dürft zusammen spielen?“, fragte Fred ungläubig. „Warum dürfen wir uns denn dann nicht treffen?“ Karl erklärte: „Ganz so ist das ja nicht. Die Lehrerinnen und Erzieherinnen sagen uns ständig, dass wir Abstand voneinander halten sollen. Und wenn wir spielen oder basteln arbeiten wir an verschiedenen Tischen, damit wir uns nicht zu nahe kommen. Natürlich ist das nicht ganz einfach. Aber wir versuchen es. Und wir waschen uns immer die Hände vor dem Essen und wenn wir draußen waren. Da achten wir alle jetzt noch viel mehr drauf.“ „Aha“, sagte Fred. Wie gerne würde er auch mal wieder mit seinem Freund spielen. „Kann ich nicht auch mal in die Notbetreuung kommen? Dann können wir zusammen spielen“, fragte er jetzt seinen Freund. Aber Karl erklärte: „Das geht nicht. Meine Eltern mussten eine Bescheinigung von ihrem Arbeitgeber vorlegen, dass sie in ‚systemrelevanten‘ Berufen arbeiten.“ „Was ist das denn ‚systemrelevant‘?“, fragte Fred. „Das sind Berufe, auf die man jetzt auf keinen Fall verzichten kann. Die sind ganz wichtig für unsere ganze Gesellschaft. Meine Mutter putzt ja im Krankenhaus und Sauberkeit ist jetzt ganz, ganz wichtig. Und mein Vater fährt den Gemüse-LKW. Er transportiert Gemüse vom Hersteller zum Verkäufer und wir wollen ja alle genug zu essen haben. Also ist das auch ganz wichtig. Lisa ist übrigens auch hier. Ihr Papa ist ja Soldat und fliegt mit der Bundeswehr kranke Menschen von Italien und Frankreich nach Deutschland und Lisas Mutter arbeitet im Altenheim als Pflegerin. Das sind alles Berufe, auf die man trotz der Pandemie nicht verzichten kann“, erklärte Karl. Das leuchtete Fred ein. „Dann hoffe ich, dass die Schule bald wieder losgeht, damit wir uns endlich wiedersehen“, sagte Fred hoffnungsvoll. „Ich bin gespannt, was die heute in den Kindernachrichten dazu sagen werden. Die schaue ich mir auf jeden Fall nachher mit Papa an.“ Die beiden unterhielten sich noch über dies und das. Schließlich wurde es Zeit das Gespräch zu beenden. „Wir können ja ab und zu telefonieren, bis das wir uns endlich wiedersehen“, schlug Karl vor, um seinen Freund Fred ein wenig aufzuheitern. „O ja“, freute sich Fred, „das machen wir. Aber du musst auch mal anrufen!“ Karl versprach sich bald wieder zu melden. Und so legten beide auf. 

 

©Margarete Reinberger 

 

Idee: 

In der Geschichte erzählt Karl von dem Fahrrad-Parcours, den sie in der Notbetreuung auf den Schulhof gemalt haben. Vielleicht gibt es ja in deiner Nähe auch einen Platz oder eine ruhige Spielstraße, wo du einen Parcours aufzeichnen oder aufbauen kannst. Man kann den Parcours auch mit Inlinern durchfahren. Auch im eigenen Garten kann man sich mit etwas Fantasie einen Geschicklichkeitsparcours aufbauen. Zum Beispiel muss man dann von einer vorgegebenen Stelle bis zur anderen auf einem Bein hüpfen oder über ein Seil balancieren. Seid kreativ und lasst euch was einfallen. Ich bin gespannt auf eure Bilder zu diesem Kapitel. Natürlich könnt ihr wie immer auch gerne einfach ein Bild zu diesem Kapitel malen.