24. Kapitel 

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben 

 

Ostersonntag war vorüber und tatsächlich war auch in diesem Jahr auf den Osterhasen Verlass gewesen. Offensichtlich hatte er sich noch nicht angesteckt und hoppelte weiterhin fröhlich durch die Gegend, um den Kindern eine Freude zu machen. Die Osternester waren reichlich gefüllt mit leckeren Schokoeiern. Vor allem Jasmin hatte laut gequietscht vor Freude, als sie ihr volles Nest im Garten entdeckte. Am Ostersonntag schaltete Mama morgens den Fernseher an, was sie gewöhnlich nie tat, aber heute wollte sie doch einmal einen Gottesdienst im Fernsehen anschauen. Dies war eben ein besonderer Tag und ihr hatte der Kirchbesuch an diesem Tag doch gefehlt. Für Christen war dies der Tag, an dem sie die Auferstehung von Jesus Christus feierten. Es war ein Tag der Freude, nach dem Karfreitag, an dem sie sich an den Kreuzestod von Jesus Christus erinnert hatten. Mit der Auferstehung war in geheimnisvoller Weise der Himmel mit der Erde verbunden worden und die Christen glaubten fest daran, dass ihnen durch Jesus Christus die Türe zum Himmel geöffnet worden war und es eine Aussicht auf ein ‚Leben nach dem Tod‘ gab. 

 

Während Carlotta vor dem Fernseher saß und dem Orgelspiel lauschte, flogen ihre Gedanken an das Ende der Osterferien. Eigentlich hatte ja an dem sogenannten ‚Weißen Sonntag‘, der dem Ostersonntag folgte, ihre Erstkommunion sein sollen. Sie hatten dafür schon vor Monaten ein schickes Kleid besorgt und Carlotta hatte dieses Ereignis so sehr herbeigesehnt. Es sollte ihr ganz persönlicher, großer Tag werden, an dem sie als vollwertiges Mitglied in die Kirchengemeinde aufgenommen wurde. Aber auch daraus wurde vorläufig erst einmal nichts. Mama hatte inzwischen im Restaurant den Termin wieder abgesagt. Ihre Patentante und ihr Patenonkel würden nun nicht kommen und auch der Bruder von Papa, der extra die lange Reise aus Süddeutschland auf sich nehmen wollte, um mit ihnen zu feiern, blieb zuhause. Es war zum Heulen. 

 

Carlotta hing ihren trübsinnigen Gedanken nach. Schließlich beschwerte sie sich laut bei Mama: „Das ist richtig doof. Alles fällt aus, sogar der ‚Weiße Sonntag‘.“ Mama schaute sie besorgt an und streichelte ihr tröstend über das Haar. „Aufgeschoben ist doch nicht aufgehoben“, versuchte sie ihre Große aufzumuntern. „Die Feier wird nachgeholt, wenn das hier alles vorbei ist. Versprochen!“ Carlotta zuckte mit den Schultern, ihr blieb ja nichts anderes übrig, als abzuwarten. Warten, warten und nochmal warten. Es reichte ihr langsam. Sie merkte wie Wut und Ungeduld in ihr hochstieg und sie innerlich ganz unzufrieden machte. Sie ärgerte sich richtig. 

 

Jetzt schaltete sich Christian in das Gespräch ein: „ Mama, warum heißt der ‚Weiße Sonntag‘ eigentlich ‚Weißer Sonntag‘?“, wollte er nun wissen. Mama kannte sich aus. „Das hat mit einem Brauch zu tun, der schon aus der frühchristlichen Zeit, also der Zeit, in der die allerersten Christen lebten, stammt“, erklärte sie. „Was ist ein Brauch?“, fragte Christian interessiert. „Nun, ein Brauch ist etwas, was Menschen immer wieder machen, weil es für sie eine ganz bestimmte Bedeutung hat. Früher ließen sich die Christen am Ostersonntag taufen. Sie trugen dabei ein weißes Taufkleid. Die weiße Farbe steht für ‚Reinheit‘ und dafür, dass der Täufling durch die Taufe wie neu geboren ist. Dieses Kleid behielten die Täuflinge eine ganze Woche an, also von Ostern bis zum Weißen Sonntag. Und wegen diesem weißen Kleid bekam der Tag dann den Namen ‚Weißer Sonntag‘. Erst viele Jahrhunderte später, ungefähr ab dem 17. Jahrhundert, hat man dann die Kommunion, die wir in der katholischen Kirche feiern, und vielerorts auch die Konfirmation, die die evangelischen Christen feiern, auf diesen Sonntag gelegt. Das passt auch sehr gut dorthin, denn an diesem Tag erneuert das Kommunionkind sein Taufversprechen.“

 

„Ich bin dann ein vollwertiges Mitglied der Kirchengemeinde“, ergänzte Carlotta, die im Seelsorgeunterricht gut aufgepasst hatte. „Und ich bin das noch nicht“, murrte Christian. „Das ist gemein!“ „Ach, Christian“, beschwichtigte Mama: „Wenn du so alt wie Carlotta bist, dann werden wir auch deine Erste Heilige Kommunion mit deinen Paten feiern. Da kannst du dich schon jetzt drauf freuen.“ 

 

„Und jetzt lass uns eine Runde Mensch-ärgere-dich-nicht spielen“, schlug Mama vor. Das ist die beste Medizin gegen ausfallende Feste und schlechte Laune. Und das taten sie auch. 

 

©Margarete Reinberger 

 

Idee: 

In diesem Kapitel ist von dem Brauch des ‚Weißen Sonntags‘ die Rede. Kennst du noch andere Bräuche? Warum gibt es z.B. zum Osterfest Ostereier? Finde es heraus! Schreibe doch mal einen Brauch auf, den du selbst kennst und erkläre seine Bedeutung. Über Bräuche kannst du dich sicher auch im Internet erkundigen. Du kannst aber auch einfach ein Bild malen, wie Carlotta mit ihren Geschwistern und der Mama Mensch-ärgere-dich-nicht spielt oder du spielst mit deiner Familie ein schönes Brett- oder Kartenspiel und schickst mir zur Anregung für die anderen Kinder eine Spielanleitung und ein Foto davon. Ich freue mich auf deine Email.