22. Kapitel 

Was für ein Verzicht 

 

Es war Karfreitag. Für die Christen war dies der Tag, an dem sie sich daran erinnerten, dass Jesus Christus aus Liebe für die Menschen am Kreuz gestorben war. Normalerweise war Carlotta in den vergangenen Jahren am Karfreitag immer mit Mama, Papa und ihren Geschwistern in die Kirche gegangen. Aber auch dies fand in diesem Jahr nicht statt. Die Kirchen waren Orte, wo Menschen sich versammelten, miteinander beteten, beisammen saßen und beisammen standen und sich so oder so nahe waren. Aber in dieser Zeit musste man zum Schutze vor der Krankheit auch hier auf Abstand gehen. Irgendwie fühlte sich das alles so unwirklich an. Alles was sonst so selbstverständlich gewesen war, war auf einmal nicht mehr erlaubt. 

 

Gerade heute vermisste Carlotta ihren Vater ganz fürchterlich. Er war schon so lange nicht mehr nach Hause gekommen und hatte immer nur abends spät mit Mama telefoniert. Mama hatte den Kindern erklärt, dass der Papa um das Leben von schwerstkranken Menschen kämpfte und seine Familie vor einer möglichen Virusinfektion schützen wollte. Darum hatte er sich entschieden ganz im Krankenhaus zu bleiben und auch abends nicht mehr nach Hause zu kommen, bis die schlimmste Zeit überwunden wäre. Das war okay für Carlotta. Sie hatte verstanden, dass ihr Papa einen sehr wichtigen Job hatte und dass sie deshalb eine Weile auf ihn verzichten mussten. Sie bewunderte ihren Papa. Für sie war er ein Held wie Superman. Aber diese Ungewissheit, nicht gesagt zu bekommen, wie lange sie noch aufeinander verzichten mussten, fiel ihr manchmal ganz schön schwer. 

 

Die Zeit zwischen Karneval und Ostern war in Carlottas Familie tatsächlich immer eine Zeit des bewussten Verzichts gewesen – sie nahmen die Fastenzeit jedes Jahr aufs Neue als Herausforderung an, um einmal im Jahr eine gewisse Zeit lang auf etwas zu verzichten, was ihnen im Jahresverlauf schon zur Gewohnheit geworden war. Mama und Papa verzichteten zum Beispiel in diesen Wochen auf das Gläschen Wein am Abend, dass sie an den Wochenenden gerne mal zusammen tranken. Und obwohl es keiner von ihr verlangt hatte, verzichtete Carlotta in dieser Zeit auf Gummibärchen. Sie mochte nämlich Gummibärchen so sehr, dass eine Tüte keinen Tag überlebte, wenn sie sie erst einmal aufgerissen hatte. Carlotta hatte den Ehrgeiz sich selbst zu beweisen, dass sie genug Willenskraft hätte, 40 Tage auf diese Lieblingssüßigkeit zu verzichten. Auch wenn Christian mitunter ganz schön gemein sein konnte und ihr extra eine Tüte vor die Nase hielt, um sie dann vor ihren Augen genüsslich zu verzehren. Aber Carlotta ließ sich nichts anmerken und blieb eisern. 

 

Trotzdem fand sie, dass das in diesem Jahr schon ein bisschen zu viel des Guten war mit dem Verzichten. Sie verzichteten ja auf alles: Man konnte nicht mehr shoppen gehen, nicht in Restaurants schick essen gehen, sich nicht mit den Freundinnen treffen, nicht zum Reitstall fahren. Oh, wie vermisste sie ihr Lieblingspferd Marlu, das sie in dieser Zeit wegen der Corona-Krise auch nicht reiten durfte. Auf die Gummibärchen hatte Carlotta ja freiwillig verzichtet, weil sie es mal ausprobieren wollte, ob ihr Wille stark genug war, 40 Tage durchzuhalten. Sie wusste, dass sie dazu in der Lage war. Im letzten Jahr hatte sie das auch geschafft und war mächtig stolz auf sich gewesen. 

 

„Hey, Carlotta“, sagte Mama, die merkte, dass ihre Große wieder einmal am Grübeln war. „Ruf doch Lisa an und hör mal, wie es ihr und ihren Eltern inzwischen geht!“ Aber Lisa war zunächst nicht zu erreichen, so dass Carlotta davon ausgehen konnte, dass die Zeit in Quarantäne wohl beendet sein musste. Erst am späten Nachmittag erreichte sie sie. Lisa berichtete ihr: „Ich bin jetzt tagsüber wieder in der Notbetreuung in der Schule. Papa ist gesund. Sie sind sehr froh mit ihm einen Soldaten zu haben, der vom Virus geheilt ist. Für ihn besteht nämlich zumindest im Moment keine Ansteckungsgefahr mehr. Stell dir nur vor, Papa fliegt nach Italien und Frankreich und holt aus den überfüllten Krankenhäusern einige Corona-Patienten nach Deutschland. Wir haben hier ja noch nicht so viele Kranke in den Krankenhäusern und die Not dort ist riesengroß – viel zu wenige Ärzte, viel zu wenige Beatmungsgeräte und viel zu wenige Schutzmasken für die Pfleger. Das ist ein echtes Problem“, wusste Lisa. Carlotta wurde ganz kleinlaut als sie das hörte. Eben hatte sie sich noch darüber aufgeregt, auf was sie alles verzichten musste und jetzt hörte sie von ihrer Freundin, dass ihr Vater im Einsatz war, um Menschenleben zu retten. Sie schämte sich ein kleines bisschen, dass sie sich die ganze Zeit selbst so sehr bemitleidet hatte. „Und was macht deine Mama zurzeit?“, fragte sie jetzt ihre Freundin. „Seid ihr beiden dann nicht zusammen Zuhause?“ „Nein, nein“, erklärte Lisa, als sei es das selbstverständlichste von der Welt. „Mama kümmert sich um die alten Menschen im Pflegeheim. Die waren total froh, dass Mama endlich wieder helfen durfte. Ich gehe jetzt jeden Tag schon um 7.00 Uhr zur Schule. Da treffe ich Karl, der ist auch in der Notbetreuung.“ Carlotta liebte es sich mit ihrer Freundin zu unterhalten. Immer wenn sie mit ihr sprach, wurden ihre Sorgen klein. Carlotta erkannte, dass ihre Freundin Lisa sogar auf ihre Eltern verzichtete, weil diese beide arbeiten mussten. Wie gut hatte sie es da, dass sie wenigstens Mama und ihre Geschwister hatte? 

 

Als die beiden schon längst aufgelegt hatten, dachte Carlotta noch eine Weile darüber nach. Natürlich war das heute kein Karfreitag wie all die Jahre und es würde auch kein Osterfest werden wie sonst. Aber sie wusste, da draußen gab es Menschen, wie ihren Papa und Lisas Eltern, die versuchten den Kranken und Alten in dieser Zeit zur Seite zu stehen. Diese Menschen und die Virologen, die ununterbrochen auf der Suche nach Gegenmitteln gegen dieses Virus waren, würden es irgendwann schaffen, dass das Leben wieder zur Normalität zurückkehrte. 

 

An diesem Abend wollte sie für all diese Helfer eine Kerze anzünden und ein Dankgebet zum Himmel schicken, dass es diese Menschen gab und sie würde beten, dass Gott sie beschützen möge, damit möglichst bald, endlich alles gut werden würde. 

 

©Margarete Reinberger 

 

Idee: 

Heute ist ein stiller Tag – ein Feiertag für viele von uns. Vielleicht zündest auch du heute einmal eine Kerze an und denkst an die vielen Helfer in den Krankenhäusern, Pflegeheimen und bei der Polizei. Denke auch an die Politiker, die zurzeit schwere Entscheidungen treffen müssen, die Verkäufer und Verkäuferinnen in den Lebensmittel- geschäften, Apotheken, Baumärkten, die LKW-Fahrer, die Erntehelfer, die Postzusteller und Seelsorger und nicht zuletzt die, die in Laboren, der ganzen Welt für uns händeringend nach einem geeigneten Mittel gegen das Virus suchen...An so vielen Stellen bemühen sich die Menschen, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Dafür dürfen wir dankbar sein. Und egal, ob wir Christen, Juden oder Muslime sind oder einer anderen Glaubensrichtung angehören: Wir können gemeinsam beten, dass diese schwere Zeit bald vorbei ist, dass die Kranken geheilt 

 

werden und die Helfer genug Kraft behalten, um diese Zeit durchzustehen. Zünde doch heute einfach mal eine Kerze an und bete. 

 

Ich erwarte heute auch einmal kein Bild, sondern werde einfach eine brennende Kerze hinter dieses Kapitel stellen. Sie brennt in diesen Tagen täglich in meinem Haus. 

 

Morgen gibt es dann eine neue Idee für dich.