15. Kapitel 

Antonias Osterlämmchen 

 

Mama sah blass aus in den letzten Tagen. Papa kam jetzt noch nicht einmal mehr spät abends nach Hause. Mama hatte den Kindern erklärt, dass der Papa wegen der schlimmen Krankheit lieber ganz bei den Menschen im Krankenhaus bleiben wollte. Sie hätten dort so viel zu tun und es wäre auch für sie alle besser, wenn er nicht zwischen Krankenhaus und Zuhause hin- und herfahren würde. Carlotta sah an diesem Morgen, dass Mama ganz rote Augen hatte. Sie hatte bestimmt geweint. Tröstend nahm sie die Mama in den Arm und diese gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Wie gut, dass ich dich habe, mein großes, tüchtiges Mädchen!“, murmelte Mama Carlotta ins Ohr. Und Carlotta schmiegte sich glücklich an ihre Mama. „Weißt du was, Carlotta“, schlug Mama jetzt vor, „wollen wir heute nicht mal etwas Schönes für die Osterzeit basteln? Schau mal, ich habe hier eine Bastelvorlage für Fensterbilder im Netz gefunden und ausgedruckt. Außerdem wollte ich heute Mittag Pfannkuchen backen. Wir könnten die Eier auspusten und dann bemalen.“ „Oh ja!“, jubelte Carlotta. Das wäre bestimmt ein Spaß. Die Fensterbilder waren kleine Pappschafe auf einer grünen Wiese. Da sie keine farbige Pappe im Haus hatten, nahmen sie dafür einfach eine alte Pappe von einer Strumpfhosenverpackung, die Mama aufbewahrt hatte. Mama verwahrte in letzter Zeit sowieso alles, was irgendwie zum Basteln geeignet schien, in einem großen Pappkarton in der Ecke hinter der Küchentür. „Komisch“, dachte Carlotta, „früher war die Mülltonne immer voll mit alten Pappschachteln, Zeitungspapier und Toilettenrollen. Aber jetzt wanderte fast alles in die große Bastelkiste. Früher haben wir uns die schönsten farbigen Papiere und andere Bastelutensilien immer gekauft.“ Jetzt stellte sie fest, dass man auch mit dem Material, was man für gewöhnlich achtlos wegwarf, ganz schön viel anfangen konnte. Carlotta schnippelte die Vorlage aus und holte sich von Mamas Abschminkwatte einen Büschel. Den klebte sie auf das Pappschaf. Dann malte sie dem Schaf noch Augen. Für die Wiese schnitt sie aus einem Stück Pappe einen Büschel Gras und malte ihn mit ihren Buntstiften grün an. Darauf klebte sie dann das Schäfchen. Carlotta war stolz auf das Ergebnis. Da fiel ihr ein, dass doch bei Antonia auf dem Hof die Lämmchen geboren worden waren. Sie hatte sie durch den ganzen Trubel zunächst total vergessen. „Mama, wann darf ich denn die Lämmchen von Antonia sehen?“, fragte sie nun ihre Mutter. „Carlotta, du weißt doch, dass das im Moment nicht geht“, erinnerte Mama. „Schade“, murrte Carlotta, „ich möchte so gerne mal ein echtes Lämmchen streicheln.“ „Weißt du was, Carlotta?“, schlug Mama vor, „wie wär`s, wenn du Antonia einfach mal anrufst? Dann kann sie dir das Neueste von den kleinen Lämmchen erzählen.“ Das ließ sich Carlotta nicht zweimal sagen. Schnell lief sie zum Telefon und verschwand damit in ihrem Kinderzimmer. 

 

Antonia war sofort am Apparat. „Hallo, wie geht es euch?“, fragte Carlotta freudig. „Gut“, entgegnete Antonia. „Was machst du so?“, fuhr Carlotta fort, ihre Klassenkameradin zu löchern. „Ich helfe meinen Eltern, spiele viel mit meinem kleinen Bruder und verbringe sehr viel Zeit im Stall“, erzählte Antonia. „Wie geht`s den Lämmchen?“, wollte Carlotta nun wissen. „Oh, denen geht es ganz gut. Sie wachsen jeden Tag. Und weißt du was: Ich muss jetzt ein Lämmchen mit der Flasche füttern, weil die Mama von dem nicht genug Milch hat. Das ist vielleicht süß. Wenn ich in den Stall komme und es mich sieht, kommt es sofort angelaufen und meckert ganz laut, weil es Milch haben möchte. Gestern hat es an meinem Finger genuckelt. Das hat gekitzelt.“ Antonia kicherte am anderen Ende der Leitung. Carlotta beneidete sie in diesem Moment sehr. Antonia konnte jeden Tag viel Zeit mit diesen süßen Lämmchen verbringen und sie durfte noch nicht einmal ein einziges Mal dorthin, um sie zu sehen. „Ich würde die auch gerne mal sehen“, sagte sie nun in der Hoffnung, dass es vielleicht doch irgendeinen Weg gäbe. Aber Antonia wusste Bescheid: „Du, Carlotta, das geht im Moment leider nicht. Aber wenn das alles hier vorbei ist und wir uns wieder treffen dürfen, dann verabreden wir uns. Versprochen!“ „Versprochen“, antwortete Carlotta, um die Abmachung zu besiegeln. „Ich muss jetzt Mittagessen. Mama hat mich schon gerufen“, erklärte Antonia jetzt. „Aber ruf mich doch ab und zu an. Dann erzähle ich dir mehr von meinen Osterlämmchen.“ „Das mache ich“, erwiderte Carlotta und sie legten auf. 

 

© Margarete Reinberger 

 

Idee: 

Versuche doch einmal selbst aus dem Material, was ihr zuhause habt, etwas zu basteln. Das kann ein Schäfchen, ein Küken oder irgendein schöner Frühlingsschmuck für eure Fenster sein. Wenn du dir ein Flüstertelefon (Anleitung in Kapitel 8) gebastelt hast, kannst du mit einem Familienmitglied das Gespräch zwischen Carlotta und Antonia damit nachspielen. Natürlich geht das auch ohne ein gebasteltes Telefon. Aber es macht vermutlich mehr Spaß mit. Wie immer kannst du auch einfach ein Bild zu diesem Kapitel malen und einsenden. Überrasche mich!